Leseräume

Bücher eröffnen Räume. Manche durchquert man einmal, andere begleiten einen über Jahre oder Jahrzehnte. Die folgende Auswahl gibt Einblick in einige meiner literarischen Wegbegleiter und gegenwärtigen Lektüren.

Lesen steht für mich nicht neben dem Schreiben. Oft beginne ich den Tag mit einigen Seiten aus einem Buch, bevor ich mich an die eigene Arbeit setze. Lesen ist dann nicht Ablenkung, sondern eine Art Übergang in einen anderen sprachlichen Raum.

Gegenwärtige Lektüren

Science-Fiction

  • Becky Chambers

  • Brandon Q. Morris

  • Adrian Tchaikovsky

  • Dan Simmons (Hyperion-Gesang)

Asiatische Autorinnen

  • Fang Fang

  • Monika Kim

  • Minyoung Kang

  • Sayaka Murata

Zuletzt gelesen

  • Kaltblut · Wolfgang Maria Bauer

  • Wild wuchern · Katharina Köller

  • Die Schrecken der anderen · Martina Clavadetscher

  • Hey guten Morgen, wie geht es dir? · Martina Hefter

Wegbegleiter

Autoren, die mich über viele Jahre begleitet haben:

  • Robert Walser

  • Thomas Bernhard

  • Ror Wolf

Leseräume entstehen nicht nur zwischen Buchdeckeln.

Baumgruppengerippe

... und nicht nur zur Weihnachtszeit

Aus dem Roman Die Rache der Tauben

Es war ein eiskalter Dezembermorgen, der wie jeder 24. dieses Monats begann. Der Baum stand noch ungeschmückt im Wohnzimmer, die obligate Flasche Sekt wurde entkorkt, als meine Mutter ihre erste Krise bekam, denn die krummgewachsene Fichte wollte nicht in den für sie vorgesehenen Ständer passen. Bis sie so stand, dass alle, also meine Eltern und ich, meine Schwester war noch zu klein, ihre Meinung zu äußern, zufrieden waren, verging geraume Zeit.

Danach liefen die Weihnachtsvorbereitungen wie immer. Der Baum wurde geschmückt, der Krippe fehlte das Kamel, die Nachbarin, deren Mann vor zwei Jahren unter mysteriösen Umständen verschwunden war, kam zum Apero. Wenn ich mich recht entsinne, wurde spätestens dann die zweite Flasche Sekt geöffnet und mein Vater wechselte zum Bier.

Mittagessen fiel aus. Jede und jeder bediente sich aus dem Kühlschrank. Gans, Klöße, Rotkohl einer bestimmten Marke aus der Büchse und Feldsalat mit Sellerie wurden für das Festmahl vorbereitet.

Am frühen Abend musste meine Oma, die am anderen Ende der Stadt wohnte, noch abgeholt werden. Mein angetrunkener Vater fragte, wer mitkommen wolle, die Oma abzuholen. Wir nahmen den schnellsten Weg, der über die Autobahnbrücke auf die andere Rheinseite führte. Zurück fuhren wir jedoch durch die Stadt, wo meine Oma und ich die Christbäume bestaunten.

Wir kamen wohlbehalten zuhause an. Bevor mein Vater den Wagen in der Garage parken konnte, mussten meine Oma und ich aussteigen. Meine Oma ging ein paar Schritte, glitt auf einer vereisten Pfütze hinter dem vor dem Garagentor stehenden Opel aus und stürzte auf den rechten Arm. In diesem Moment setzte mein Vater den Wagen zurück und hätte seine Schwiegermutter beinahe überfahren.

Kurze Zeit später fand die Bescherung, wie gewohnt noch vor dem Abendessen, statt. Meine Oma mit schmerzverzerrter Miene, mein Vater mit alkoholisierter Röte im Gesicht, meine übernervöse Mutter und wir zwei erwartungsvollen Kinder standen vor dem Christbaum.

Wir wollten zum Flötenspiel meiner Schwester singen. Doch sie prustete vor Lachen nur in das Instrument und brachte keinen vernünftigen Ton heraus.

Und auf einmal raste unser Cocker durch das Wohnzimmer und riss den brennenden Baum um.

Drei Porzellanfriedenstauben zerschellten klirrend auf dem Teppich.

Das Grün der Bäume

Aus dem Manuskript Der Pärkler

Das Grün der Bäume fasziniert mich. Wie sich Licht und Schatten brechen. Sagt man das so? Hohe Bäume. Warum ist der Mensch von Bäumen fasziniert? Kommunizieren Bäume? Was spielen sie für eine Rolle in unserem Leben. Wie heißt es doch? Erst stirbt der Baum, und dann stirbt der Mensch. Eine Weisheit der indigenen Völker. Glaube ich.

Und wir setzen uns darüber hinweg. Das interessiert uns nicht. Wir sollen uns die Erde untertan machen, hast Du gesagt, aber ich kann nicht glauben, dass dies Deine Worte waren. Ich weigere mich zu glauben, dass Du das wörtlich gemeint hast. Oder ich verstehe den Sinn Deiner Worte nicht. Oder nicht richtig.

Wahrscheinlich haben Deine Jünger oder die Apostel, die längst, falls sie nicht den Tod des Märtyrers fanden, vom römischen System korrumpiert waren, Deine Worte verdreht. Aber wir müssen unseren Weg selbst finden. Diese Freiheit haben wir und diese Freiheit wird uns ins Verderben führen.

Abgekommen von dem Pfad, den Du uns zeigtest …

Was bleibt uns? Unsere Hoffnung liegt in der Zukunft. Wenn die Dinge ihr Ende finden. Nur Du weißt wann. Der Mensch kann Deine Pläne nicht durchschauen, aber kann er sie durchkreuzen? Hast Du einen Masterplan? Entschuldige! Ich möchte mir nicht anmaßen …

Aber was bleibt? Das Leben hat mich gezeichnet.

Das Licht bricht durch die Bäume. Diese Herrlichkeit! Diese Nuancen des Grünen! Im Frühjahr lindgrün. Zarte junge Blätter, die das Licht aufnehmen, sich später dunkel verdichtend, spenden sie Schatten demjenigen, der Ruhe bedürfend, sich auf den Bänken niederlässt.

Ego sum lux mundi.

Ich bin das Licht der Welt. Deine Worte.

Sieben Mal hast Du, so steht es jedenfalls im Evangelium bei Johannes geschrieben, die Worte „Ich bin das Licht der Welt“ benutzt ...

Aber meine Gedanken schweifen ab. Wo war ich?

Zum Glück sitze ich hier. Auf einer Bank. Im Grünen. Im Park.

Ach ja. Jetzt fällt es mir wieder ein.

Sieben Bänke gehören zu diesem Park. Der Kreis schließt sich.

Baumgruppengerippe

Aus dem Erzählzyklus Es ist er

Baumgruppengerippe flüsterte er grinsend vor sich hin. Baumgruppengerippe und wanderte ein Lied auf den Lippen weiter durch den finsteren Tann. Baumgruppengerippe. Desorientiert, doch guter Dinge zog er weiter.

Und schon stand er auf einer dampfenden Lichtung im grellen Sonnenschein. Schweiß auf der Stirn, Schweiß, der ihm den Nacken runterlief. Kein Vogellaut war zu vernehmen, dafür saßen einige Kormorane wie versteinert auf den laublosen Wipfeln der Waldbuchen.

Die Kormorane hatten die Krähen als Kanarienvögel des Teufels abgelöst.

Das In-den-Tag-Hineinleben

Aus dem Erzählzyklus Es ist er

Er saß. Er saß einfach da. Schaute mal vor sich hin, mal in die Ferne. Die Wolken zogen vorbei. Wie sie immer vorbeizogen.

Diese Ruhe in der Bewegung war aufreizend.

Aber er passte sich an. Dachte sich nichts Besonderes dabei. Warum auch?

Es war so wie es war und er konnte nichts daran ändern. Selbst, wenn er gewollt hätte.

Warum wurde dieses In-den-Tag-Hineinleben von allen verurteilt?

Hatte er nicht genug geleistet?

Er brauchte nichts als Ruhe.

Eine schwindsüchtige Frau?

Aus dem Erzählzyklus Es ist er

Er wusste nicht, warum er sich ausgerechnet jetzt an diese junge, zierliche Frau erinnerte.

Diese vornehme Blässe. Die Adern an der Schläfe standen leicht hervor.

Er sah das Bild der Erinnerung verschwimmend in das Antlitz einer schwindsüchtigen Frau längst vergessener Zeiten.

Er kannte die brünette Frau nur vom Sehen. Nie hatten sie miteinander gesprochen.

Dennoch hatte sie ihm ein Lächeln geschenkt.

Was ihm nur selten widerfuhr und in dieser Stadt äußerst selten vorkam.

So musste auch er still vor sich hin lächeln.

Das Blatt im Wind

Aus dem Erzählzyklus Es ist er

Mit einem Grashalm im Mundwinkel schaute er in den Himmel und sah die Wolken, die ein Stück blauen Himmels davontrugen.

Schwalben sammelten sich auf ihrem gefahrvollen Weg nach Süden. Schön, wer sich vor der Winterkälte retten konnte, ohne dem Tod anheimzufallen.

Ach, könnte er doch tauschen.

Ein Blatt segelte sich im Wind wiegend auf den Felsvorsprung zu – und verschwand.